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The Father

Oscar-nominiertes Drama um einen demenzkranken Mann, der von seiner Tochter gepflegt wird.

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(Bild: Tobis)
Verleih Tobis
Kategorie/Land/Jahr Spielfilm, Großbritannien 2020
Regie Florian Zeller
Darsteller Olivia Colman, Sir Anthony Hopkins, Mark Gatiss
Kinostart 22.04.2021

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Das Kinodebüt des gefeierten Dramatikers Florian Zeller mit den Oscarpreisträgern Anthony Hopkins und Olivia Colman in den Hauptrollen über einen Mann, dem die Realität mehr und mehr zu entgleiten droht, wurde für sechs Oscars nominiert.

Etwa die Hälfte der Laufzeit von "The Father" ist vergangen. Anthony Hopkins lauscht auf Kopfhörer einer seiner Klassik-CDs. Unvermittelt bleibt die CD hängen und man hört diese ewige leiernde Wiederholung, als würde der Tonträger leer drehen, ein Echo ohne Ende. Es ist ein denkbar kurzer, für die Handlung unbedeutender Moment. Und doch hält er punktgenau fest, was im Kopf des Protagonisten vorgeht, ein von Demenz befallener Mann Mitte 80 namens Anthony, der am selben Tag geboren ist wie sein Darsteller, am 31. Dezember 1937: Er dreht leer, hört ein Echo ohne Ende. Aber das Regiedebüt des gefeierten französischen Schriftstellers und Dramatikers Florian Zeller, der sein eigenes Erfolgsstück von 2012 adaptiert (mit Hilfe von Oscargewinner Christopher Hampton) und inszeniert hat, ist keine Krankenakte, keine Chronik des Siechtums, sondern ein Kopfthriller - weniger "Iris", mehr Hanekes "Liebe" in einem Labyrinth mit unentwegten neuen Abzweigungen.

Es ist der Film, der sich im Kopf der Hauptfigur abspielt: Jede neue Szene negiert die vorherige, stellt in Frage, was wir bisher gesehen haben und was wir gerade sehen. Gesetzt ist nur, dass sich Tochter Anne liebevoll um den Mann kümmert, mit dem der Zuschauer gerade zusammen seinen Verstand verliert. Dass ihr sein unberechenbarer Geisteszustand mehr und mehr zusetzt. Dass es eine zweite Tochter gibt, die vor Jahren bei einem Unfall ums Leben gekommen ist. Alles andere ist Verhandlungssache: Mal ist die Tochter gespielt von Olivia Colman, dann wieder von Olivia Williams. Es gibt einen Mann im Leben von Anne. Aber ob er Rufus Sewell ist oder Mark Gatiss, das lässt sich schon weniger genau festhalten. Eine potenzielle neue Pflegerin stellt sich vor, die Anne entlasten soll. Vielleicht aber auch nicht. Kleine Fetzen tauchen immer wieder auf, in immer neuen Konstellationen: Annes blaue Seidenbluse, ein Hühnchen, das zum Essen gereicht werden soll, eine Armbanduhr, die gestohlen oder verlegt sein könnte, Anthonys Anmerkung, in Paris würde man nicht einmal Englisch sprechen. Dann wiederum gibt es Elemente, die längst nicht so handfest sind: Spielt die blaue Plastiktüte, die Anthony in seine Hosentasche steckt, eine Rolle? Ist es Zufall, dass er später durch sein Fenster draußen vor dem Haus einen Jungen sieht, der mit einer Plastiktüte spielt? Darum bauen sich immer wieder neue Szenen auf, die manchmal auf andere Erzählelemente Bezug nehmen - oder auf sich selbst, weil sie verblüffender Weise da enden, wo sie angefangen haben.

Und mittendrin eben Anthony, der sich einen Reim zu machen versucht auf ein Leben, mit dem er sich auf Kriegsfuß befindet. "Ich fühle mich, als würde ich meine Blätter verlieren", klagt er irgendwann. Als Zuschauer befindet man sich auf dem Deck eines schwankenden Schiffs: Es gibt nichts, woran man sich festhalten könnte. Ständig wird einem der Boden unter den Füßen weggezogen. Unentwegt muss man sich neu orientieren, das bereits Abgespeicherte hinterfragen. Wie die Hauptfigur. Findet das Gesehene wirklich statt? Wann findet es statt? Hintereinander, vermischt, gleichzeitig? Wer ist wer, was ist was? Am Ende wird fast alles beantwortet, auf eine höchst zufriedenstellende Weise. Und dabei werden neue Fragen aufgeworfen. Florian Zellers Film ist ein Escher-Gemälde, das sich in sich selbst verschraubt. Eine brillante Anmutung, wie es sich wohl anfühlen mag, wenn sich die eigene Existenz im Kopf aufzulösen beginnt. Aber auch eine kluge, gewitzte Betrachtung über das Wesen des Geschichtenerzählens, wie eine handfestere Variante von Kiarostamis "Die Liebesfälscher", ein weniger unerbittlicher "Caché". Und ein Fest für alle beteiligten Schauspieler: Anthony Hopkins und Olivia Colman haben ihre Oscarnominierungen mehr als verdient. Der Film auch. Das Theaterstück nannte die Times eines der besten des letzten Jahrzehnts. Jetzt ist der Film einer der besten zumindest dieses Jahres.

Thomas Schultze.

Quelle: Blickpunkt:Film

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Verleih Tobis
O-Titel The Father
Land / Jahr Großbritannien 2020
Kategorie Spielfilm
Genre Drama
Kinostart 22.04.2021
Laufzeit 98
FSK ab 6 Jahre
USA-Start 26.02.2021, bei Sony Pictures Classic
Web-Link https://tobis.de/film/the-father
nach oben Cast & Crew
Regie Florian Zeller
Darsteller Olivia Colman, Sir Anthony Hopkins, Mark Gatiss, Imogen Poots, Rufus Sewell, Olivia Williams
nach oben Filmpreise
Preis / Veranstaltung Jahr, Ort, am - von/bis Kategorie Person
35. Goya   2021, Madrid, 06.03.2021 Bester europäischer Film  
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